Freddy und der Gelbe Löwe

Er war wirklich hier bei uns in der Gustavstraße, damals. Der Vorzeige-Matrose aus Wien, immer Gitarre und Meer im Seesack, der Freddy. Eine schwarze Gestalt, die dann doch geflohen ist aus der Enge unserer Straße. Bei "der Zigaretten-Werner" hat er gewohnt, oben, damals. Und abends ist er im Gelben Löwen, der verruchtesten Kneipe der Fürther Altstadt aufgetreten, damals, als ihn außer uns und den Amis im Löwen noch keiner kannte.
Wenn wir alle damals schon gewußt hätten, was aus dem einmal werden wird - vergangen, vergessen, vorüber. Vielleicht ist seine Sehnsucht hier entstanden, der brennend heiße Wüstensand und das weite, weite Meer und alles. "Was besseres als den Tod finden wir allemal", sagte der Stadtmusikant und zog von dannen und wurde an der Waterkant berühmt.

Die Amis haben ihn wohl kaum vermißt und daß er weg war, ist uns eigentlich erst aufgefallen, als seine Filme im Kino kamen. Aber da saßen sie dann alle aus der Gustavstraße im Alhambra und staunten, was aus dem Wiener Jungen für ein strammer Seemann geworden ist. "Die Gitarre und das Meer" wurde zum ersten Kultfilm einer ganzen Straße. Dabei ist mit Freddys Verschwinden die Kultur aus dem Haus der Zigaretten- Werner keineswegs verschwunden. Wie gesagt, eigentlich hatte das sowieso kaum einer bemerkt. Aber die Frau Werner verkaufte nicht nur Zigaretten und Zigarren, Stumpen und Pfeifen, nein, sie hatte quasi ein kulturelles Zentrum, nämlich eine Leihbücherei.

Zur Erklärung für die jüngeren Leser, eine Leihbücherei war so etwas wie eine prähistorische Videothek. Man ging hin, schaute auf die bunten Titelbilder der Bücher und hat sie gegen Gebühr ausgeliehen und dann, man mag es heute kaum glauben, gelesen. Wenn ich dort die Astor für meinen Vater kaufte, habe ich immer auf die vielen bunten Bilder geguckt, visuelle Reize in einer Zeit, die optisch bei Drucksachen doch sehr von Schwarz-Weiß und Grautönen bestimmt war. Aus der Jugendbuchabteilung der Frau Werner befriedigte ich meinen unstillbaren Lesehunger wenigstens einigermaßen. Wenn ich so in mich hinein und weit zurückschaue, gab es für mich damals Bücher in großen Mengen nur in der Schule und bei der Wernerin. Wobei mein Interesse und meine Leidenschaft nahezu ausschließlich dem letzteren Sortiment galt.
Hier ließ ich mich von Karl May und Jules Verne weit hinaustragen, viel weiter als die Straßenbahn fuhr, ja viel weiter noch als Schaftlach am Tegernsee, wo meine Tante wohnte. Die rund fünfundzwanzig L-förmigen Quadratmeter mit ihrem Geruch nach Tabak und Büchern gaben mir den ersten Eindruck eines englischen Clubs; so mußte es gerochen haben, als Sherlock Holmes mit Dr. Watson zusammensaß und über den nächsten Fall brütete.
Natürlich kaufte ich mir bei der Wernerin meine erste Pfeife und sie steckte mir auch immer wieder Tabakpröbchen zu. Sie hatte ja Erfahrung mit jungen Männern, die von er Weite der Welt träumen. Ob sie nun davon sangen oder ob die fernen Länder im Funkeln ihrer Augen waren.

Ich denke, von allen Menschen in der Gustavstraße wußte die Wernerin am besten über das Innenleben der Leute hier Bescheid, denn sie wußte, welche Bücher sie am liebsten gelesen haben. Und über die, die keine Bücher bei ihr ausliehen sowieso. Der Freddy, das war nur ein Schemen, ein vorüberziehender Schatten, eine Illusion für die Amis im Gelben Löwen. Die Leihbücherei der Wernerin war Realtität.

 

© Gerd Scherm