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VON GERD SCHERM Es hatte sich sogar bis zum Stern" und zum Spiegel" herumgesprochen, daß Ludwig Erhard, der Vater des deutschen Wirtschaftswunders", aus Fürth stammte und nicht etwa aus Bayern", wie das weitere Münchener Einzugsgebiet journalistisch vereinfachend gemeinhin genannt wird. Zusammen mit dem Max Grundig und dem Gustav Quelle" Schickedanz bildete er das leuchtende Dreigestirn des galaxiengleichen Ökonomiewachstums der 50er Jahre. Der Ludwig Erhard war dereinst in der Sternstraße (siehe Dreigestirn) beheimatet. In jener Straße, die inzwischen seinen Namen trägt, von den alten Fürthern, einschließlich dem Verfasser dieser Zeilen, jedoch immer noch hartnäckig Sternstraße genannt wird. Hier hatte auch der Grundigs Max 1930 seinen ersten Laden eröffnet. In der Sternstraße, quasi vor seiner Haustür, hat sich der große Paffer der wiedererblühten Nation seine Zigarren und Zeitungen immer im Ein-Mann-U-Boot" gekauft. Dieses Geschäft war eine zu einem Laden ausgebaute Reia", also der, in diesem Fall überdachte, Zwischenraum zwischen zwei Häusern. Er war kaum breiter als die Eingangstüre, aber er erstreckte sich dafür in ungeahnte Tiefen. In diesem Schlauch holte sich Ludwig der Breite also seine politische Frühstückslektüre, wobei ich mich heute noch wundere, wie er bei seiner Leibesfülle überhaupt in das U-Boot" hineingekommen ist. Höchstwahrscheinlich steckte er nur seinen Kopf hinein, rief die FAZ, die Süddeutsche, den Bayernkurier und zehn achzger Fehlfarben" oder gar nur: Wie immer!", woraufhin ihm die U-Boot-Kommandantin Anni Holzheimer alles brachte.
Nun mag sich ein Außenstehender wundern, wie ausgerechnet ein Mann aus der Fürther Sternstraße dazu kommt, das deutsche Wirtschaftswunder zu zeugen. Dem Eingeborenen ist jedoch klar, daß nur ein solcher Mann zur Vaterschaft in der Lage war. Hatte er doch lediglich die regionalen ökonomischen Prinzipien der Fürther Altstadt auf die nationale Ebene gehoben. Vermute ich. Dabei zeigte ihm sein Freund Max wohl, wie es möglich ist, aus ein paar alten Drähten, einem defekten Schweizer Offiziersmesser und drei alten Einmachgläsern einen Fernseher zu bauen, und sein Freund Gustav bewies, daß es auch noch möglich ist, das Ganze als Markenartikel zu verkaufen. Ludwigs Beitrag war dann die Fähigkeit, dies alles als politisches Konzept durchzusetzen, möglichst viele Drähte, Messer und Einmachgläser zu beschaffen und diesen Vorgang Wirtschaftswunder" zu nennen. Eine ganz alltägliche Fähigkeit, wenn man im Schatten des Fürther Rathausturmes herangewachsen ist, wie jeder Einheimische weiß.
Bereits wir Kinder rund um die Gustavstraße besaßen einen ausgeprägten Sinn für wirtschaftliche Zusammenhänge, mehr noch dafür, wie man zu Geld kommt. So war es für uns zum Beispiel ein Glücksfall, daß sich am Lilienplatz die Firma Schoder & Co mit dem Ankauf von Altmetallen beschäftigte. Glück in zweifacher Hinsicht: zum einen war der Lilienplatz gerade so weit entfernt, daß man größere Metallteile mit dem Handwagen eben noch hinbringen konnte, zum anderen, weil nie Fragen gestellt wurden, wie die Teile auf unseren Handwagen gekommen waren. Um Mißverständnissen vorzubeugen: Wir haben das Zeug niemals gestohlen! Es handelte sich stets um herrenlose Fundsachen, wobei wir mit herrenlos" alles bezeichneten, was länger als fünf Minuten unbeaufsichtigt herumstand. In diesem Zusammenhang möchte ich darauf hinweisen, daß die Aussage: In der Gustavstraße darf man nicht stehenbleiben, weil einem sonst durch die Kellerfenster die Schnürbändel aus den Schuhen geklaut werden", eine böswillige Behauptung ist, die von Südstädtlern, Hardsiedlern oder gar Nürnbergern im Umlauf gebracht wurde und die nur aus dem Neid für unser Talent im ökonomischen Bereich entstand. Zu dieser Begabung ein kleines Beispiel aus meiner eigenen Biographie. In jener Zeit arbeitete mein Vater als Fahrer für Steuerls Schweinemast in Poppenreuth. Sein Job war es, Tonnen mit Lebensmittelabfällen in der ganzen Stadt einzusammeln. Besonders interessant waren dabei immer die Tonnen draußen bei den Amis in Kalb City, denn die ernährten nicht nur jede Menge Schweine, sondern auch ganze menschliche Familien. Die Amis hatten damals schon den Tick, alles wegzuschmeißen, dessen Verfallsdatum näher ist als der eigene Ruhestand. Aus diesem Grund fanden wir in den Schweinetonnen" Köstlichkeiten, die es in unseren Geschäften nicht einmal zu kaufen gab, ganz zu schweigen, daß wir sie uns auch nicht hätten leisten können. Eines der häufigsten Abfallprodukte" waren Gläser mit Erdnußbutter. Es waren hohe, schlanke, mit irgendwelchen Blumenranken dekorierte Gläser, die nach Verspeisung des Inhalts und Entfernung des Etiketts als aparte" Trinkgläser Verwendung fanden. In den Tonnen waren so viele davon, daß wir, bei aller Gier, nicht alle selbst verputzen konnten. Nun gelang es mir, einige dieser Importgüter zu ergattern und einen Schulkameraden davon zu überzeugen, daß er unbedingt diese amerikanischen Köstlichkeiten besitzen und verspeisen müsse. Ich machte ihm klar, daß drei Gläser Erdnußbutter viel mehr seien als ein Springmesser, viel nahrhafter und geschmackvoller und darüber hinaus auch wesentlich ungefährlicher. Das mit dem Cholesterin wußte ich ja noch nicht. Die Gefährlichkeit eines Springmessers war uns Kindern stets bewußt; es bestand immer die Gefahr, daß man von den Erwachsenen damit erwischt und das Messer konfisziert wurde.
Kurz gesagt, der Schulkamerad fand meine Argumente und die Erdnußbutter überzeugend, und ich verbrachte die nächsten Tage damit, in finsteren Ecken und auf dem Dachboden mein Springmesser lustvoll aufspringen zu lassen. Dabei wurde ich allerdings dreimal fast von meiner Mutter bzw. meinem Vater erwischt, und so wurde die Sache allmählich gefährlich, siehe oben. Ich beschloß, die heiße Ware" loszuwerden, natürlich mit Gewinn. So ein Springmesser weckte ungeheure Begehrlichkeit, es war die Geschichte von Angebot und Nachfrage, was die Sache für mich wesentlich vereinfachte. Das Höchstgebot bekam nach den Gesetzen der Marktwirtschaft den Zuschlag bzw ich für mein Messer einen nadelgestreiften Kolbenfüller. Dieses ökonomische Prinzip hieß in der Fürther Altstadt übrigens Huia-Machen". Ein Füller war zu jener Zeit für ein Kind so ziemlich das Wertvollste, was es besaß und das nicht immer bis nächste Weihnachten weggeschlossen wurde. Nun hatte ich zwei davon, ich war quasi reich. Aber mit einem Zweitfüller ist es wie mit einem Zweitwagen, man kann immer nur einen fahren, und der andere steht dumm herum, und vor allem, er bringt nichts ein. An diesem Punkt kamen mir die menschlichen Unzulänglichkeiten, sprich die Vergeßlichkeit meiner Mitschüler, zugute. Wir mußten mit Füller schreiben, Kugelschreiber waren verpönt, und Filzschreiber gab es noch nicht, siehe auch Cholesterin. Wer nun seinen Füller vergessen hatte, bekam erhebliche Probleme, nämlich mit dem Lehrer. Für den war ein vergessenes Schreibgerät wohl mit Liebesentzug oder mangelndem Respekt gleichzusetzen, und er wurde dann immer pädagogisch. Dann ergriff er Maßnahmen, von denen er annahm, daß sie die Gedächtnisleistung seiner Schüler steigern würde, zum Beispiel Pfötschle", das heißt Hiebe mit einer Weidenrute, auf fürtherisch Weierräimla", die der Pädagoge immer höchstselbst im Pegnitzgrund schnitt, auf die Innenflächen der Hände. In dieser Situation bot mein Zweitfüller gegen geringes Entgelt eine körperlich, wenn auch nicht materiell schmerzfreie Alternative. Ohne den Begriff Leasing" zu kennen, siehe auch Cholesterin und Filzschreiber, hatte ich mir einen florierenden Wirtschaftszweig erschlossen. Gleichzeitig bewahrte ich meine Mitschüler vor körperlichen Sanktionen, was mir zwar keine Dankbarkeit, dafür aber Neid und eine Aufbesserung meines kargen Taschengeldes einbrachte. Mit diesem zusätzlichen Geld kurbelte ich die gerade erblühende Wirtschaft an, indem ich es nicht etwa asozial hortete, sondern in den Warenkreislauf einbrachte. So habe ich also damals dem Ludwig Erhard sein Wirtschaftswunder mit meinen bescheidenen Mitteln unterstützt, nach dem Motto: ein Fürther hilft dem anderen. Wenn es ihm was bringt.
© Gerd Scherm
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